Die Schrift ist ein vom Menschen in einem lange dauernden komplexen Prozess entstandener Zeichencode.

Vorläufer

Seite 1 des Boturini Codex: Auszug aus Aztlan - gemeinfrei

Vor der Verwendung von Schrift verwendete der Mensch schon figürliche oder abstrakte Bilder, um schriftlich zu kommunizieren. Diese wurden bis heute nicht verdrängt. Solche Zeichen lassen sich in vielen Kulturen finden. Z. B. dienen in aztekischen Handschriften Bilder zur Bezeichnung von Personen und als erzählerische Elemente. Der Codex Boturini etwa bezeichnet Häuptlinge durch totemistische Zeichen über ihren Köpfen. Aus ihren Mündern kommen Spruchbänder, die für das stehen, was sie sagen. Mit Fußspuren wird angedeutet, wie sich die Häuptlinge fortbewegen.

Felsmalereien

Bevor die Felsmalereien oder Felszeichnungen, wie sie die Wikipedia nennt, "erfunden" werden, haben Menschen im Paläolithikum (also etwa 35.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung) im Gebiet des heutigen Frankreich Medaillons aus Steinen und Knochen hergestellt, die regelmäßig angeordnete Verzierungen mit Linien in den Zwischenräumen aufweisen. Obwohl ihre Bedeutung noch unklar ist, gehen Wissenschaftler davon aus, dass es sich um Zeichen handelt.

Bekannt sind die Wandmalereien in den Höhlen von Lascaux in der Dordogne, von Altamira in Spanien und anderen Orten auf der ganzen Welt (Übersicht der Höhlenmalereien). Nach Ansicht von Ur- und Frühhistorikern stellen die wohl von Jägern geschaffenen stilisierten Tierdarstellungen eine symbolische Schrift dar. Diese Deutung kann nicht genug gewürdigt werden, denn einem einfachen Zeichen einen Sinn zu verleihen, der unserer Realität fremd ist, das bedeutet mindestens einen ebenso bedeutenden Schritt wie derjenige, der später zur Erfindung der Schrift selbst geführt hat, wie J. Abélanet in seinem Werk "Signes sans paroles" anmerkt. Die Wissenschaftler meinen, die figürlichen Darstellungen und abstrakten Figuren bringen mythische und religiöse Vorstellungen der damaligen Menschen zum Ausdruck.

Angeblich spiegelt sich in der Höhlenmalerei der grundlegende Gegensatz zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, zwischen dem Befruchteten und dem Befruchtenden. Übrigens eine Dialektik, die auch aus der ältesten chinesischen Philosophie bekannt ist. Es gibt nämlich neben den Tierdarstellungen zum einen oft Striche, punktierte Linien oder Stäbchen, die phallisch und als männliche Zeichen gedeutet werden, andererseits aber auch geschlossene Kreise, ovale und dreieckige Formen, die als Vulva und weiblich gedeutet werden. Menschliche Darstellungen sind äußerst selten, höchstens gibt es Handabdrucke und weibliche Figuren wie die Venus von Lespugue. Möglicherweise sind viele der Wandmalereien in Verbindung mit Jagdritualen zu sehen.

Graphischer Code

Um 9000 bis 8000 v. Chr. wurde in Europa die Eiszeit abgelöst durch ein feuchtes und mildes Klima. Die Menschen brauchten nicht mehr in Höhlen und Grotten vor der Kälte Zuflucht zu suchen, sondern konnten jetzt Obst anbauen und Vieh züchten. Édouard Piette grub 1889 in der Höhle Mas d´Azil (Kanton Le Mas-d’Azil, Département Ariège, Frankreich) und fand dort Knochen und Kieselsteine aus eben dieser Übergangszeit. Die Knochen waren mit Ritzungen versehen, die Kieselsteine waren ein- oder beidseitig mit Strichen und Punkten aus rotem oder braunem Ocker bemalt. Meistens zählte man entweder 21 oder 29 Striche und Punkte, weshalb man vermutete, sie hätten etwas mit den Mondphasen zu tun. Auf anderen Steinen aus der Gegend fand man komplizierte Muster, die zum Teil entfernt an griechische Buchstaben erinnern. Als Deutungen boten Schrifthistoriker die Thesen an, es handele sich dabei um Vorformen von Schrift oder Besitz- oder Zählzeichen. Weil aber bisher keiner diese graphischen Codes zu entziffern vermochte, bleiben die gefundenen Steine "Zeichen ohne Worte", wie sie Jean Abélanet nannte.

Fast noch interessanter sind die Funde im Merveilles-Tal, die man schon 1650 kannte, wie eine Chronik erwähnt. Allerdings hat die Inventarisierung erst auf Anstoß des italienischen Wissenschaftlers Carlo Conti im 19. Jahrhundert begonnen. Inventarisiert wurden Figuren, Zeichnungen, Felsritzungen und Schnitzereien. Man vermutete dahinter eine Naturreligion, die auf das Wasser, das es im Tal reichlich gibt, abstellte. Jean Abélanet wiederum hat dahinter die Anbetung eines Donnergottes vermutet. In manchen Zeichnungen haben andere Wissenschaftler sogar eine Art Flurbuch sehen wollen, in dem bebaute Parzellen und zugehörige Zugangswege verzeichnet wurden - gewissermaßen frühe Landkarten. Es sind Gitternetzlinien, die zu diesen Deutungen führen. Die vielen Tausend Felsritzungen werden andererseits aber als Beweis dafür gesehen, dass es sich nur um religiöse Motive gehandelt haben kann, die sie hervorgebracht haben. Sicher scheint aber zu sein, dass einige Zeichen eine bestimmte Bedeutung gehabt haben müssen, denn sie kommen immer wieder vor und die Menschen, die sie schufen oder sahen, müssen um die Bedeutung dieser Zeichen gewusst haben.

Von einer Schrift kann man aber erst sprechen, wenn Botschaften in linearer Form übermittelt werden. Dabei können die Zeichnungen von rechts nach links oder von oben nach unten wandern, ja sogar spiralförmige Linearität ist möglich. Eine Sonderform ist das Boustrophedon, das in der griechischen und der ägyptischen Schrift vorkommt. Jedes Kommunikationssystem muss einen Code haben, den sowohl der Sender wie der Empfänger versteht. Während Kunst einem Empfänger etwas zeigt und ihm dabei viele Interpretationsmöglichkeiten lässt, kann der Empfänger von Schrift die Bedeutung der Zeichen nur durch Lektüre verstehen. Dann aber eindeutig.

Solche Kommunikationssysteme kennt man etwa von den Indianern Nordamerikas oder New Mexikos, die graphische Codes benutzen, also beschreibende Abbildungen und so Verträge oder Briefe verfassten. Auch die Inuit oder Indianer in Alaska gebrauchen Piktogramme. Die Totems nordamerikanischer Indianer oder zentralafrikanischer Völker sind solchen Zeichensystemen ähnlich, bezeichnen sie doch Eigennamen von Häuptlingen oder Kriegern.

Manche dieser graphischen Codes sind aussagekräftiger als Schriftzeichen, denn sie regen die Phantasie an und haben oft einen dramatischen Charakter. Vielleicht bestanden und bestehen sie deshalb neben alphabetischen Schriftzeichen weiter. Jedenfalls stellen sie ohne Umweg über das Wort eine direkte Beziehung zwischen Bildinhalt, menschlichen Empfindungen und aus der Lebenserfahrung kommenden Verhaltensweisen her. Diese graphischen Codes waren uns sind auch Menschen eingängig, die nicht lesen und schreiben konnten oder können, waren doch früher nur Gelehrte oder Priester in der Lage zu schreiben, während graphische Codes die Religion auch zu ungebildeten Menschen brachten.

Auf der einen Seite haben Zeichen also eine umfassendere Aussage als etwas Geschriebenes. Auf der anderen Seite aber sind sie weniger eindeutig. den Unterschied zwischen Zeichen und geschriebener oder gesprochener Sprache macht ein von dem griechischen Historiker Herodot überlieferte Geschichte deutlich: Ein Skythe überbrachte Perserkönig Darius folgende Geschenke: einen Vogel, eine Maus, einen Frosch und fünf Pfeile. Darius meinte nun, die Skythen würden sich ihm mit ihrem Land und ihren Flüssen unterwerfen wollen, da ja die Maus auf der Erde und der Frosch zum Teil im Wasser lebe. Andere deuteten Perser glaubten genau das Gegenteil: Die Perser müssten sich in einen Vogel verwandeln und sich in die Luft erheben, oder in eine Maus und sich in der Erde verstecken, oder in einen Frosch und ins Wasser springen, wenn sie nicht von den Pfeilen der Skythen durchbohrt werden wollten. Ein schönes Beispiel für die Zweideutigkeit von Zeichen, die zwar starke Empfindungen auslösen können, aber oft auch die Interpretationsfreiheit des Empfängers nicht genug einschränkt, um eindeutig zu sein.

Körperzeichen

Eine weitere Verständigungsmöglichkeit der Urmenschen, die sich bis heute durchgehalten hat, sind Gesten, also Zeichen des menschlichen Körpers. Nicht selten werden Gesten unterschätzt. Dabei können sie Gesagtes sowohl ergänzen als auch präzisieren oder betonen. Manchmal ersetzen sie Gesprochenes sogar auf effiziente Weise. Denken wir an ein schmerzverzerrtes Gesicht: Was braucht es da noch Worte? Oder denken wir an das Theater und wie dort Schauspieler durch Gesten Gefühle ausdrücken. Selbst wenn wir es vermeiden wollen, drücken wir durch unseren Körper unsere Gefühle verständlich für Mitmenschen aus. Die vielfältige Sprache der Gesten kann uns vieles über die Sprache lehren und damit im entfernten auch über die Schrift.

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